Bildungswerkstatt Bergwald
Reitweg 7
3600 Thun
Tel: +41 (0)33 438 88 38
sekretariat(at)bergwald.ch
Wir verstehen uns als unabhängige Bildungseinrichtung, die im Netzwerk des öffentlichen und privaten Schulwesens sowie der Berufsbildung Formen des Lernens anbietet, welche diese innerhalb ihres institutionellen und personellen Rahmens nicht leisten können. Inhaltlich geht es vorwiegend um ökologische und soziale Bildungsarbeit für eine nachhaltige Entwicklung (BNE), Hauptzielgruppen sind Jugendliche sowie Erwachsene, die in der Jugendbildung tätig sind. In diesem Sinne sehen wir unsere Aufgabe im Unterstützen und Ergänzen der genannten Bildungsinstitutionen.
Naturbezogene und praxisnahe Umweltbildung verstehen wir als Teil elementarer Menschenbildung, die aufgrund der zunehmenden Naturentfremdung von Kindern und Jugendlichen zu einer unverzichtbaren Aufgabe der Pädagogik geworden ist.
Immer mehr besetzen naturferne Lebensweisen und virtuelle Erfahrungswelten die Wachzeit der Kinder und verhindern oder erschweren so eine Berührung mit ihrer lebendigen Umwelt.
Für die Zukunft unserer Kinder und ihrer Nachkommen, ja unseres ganzen Planeten, spielt die Pädagogik nach unserer Überzeugung eine Schlüsselrolle. Nicht umsonst hat die Unesco 2005 die Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" proklamiert.
Vielen Zeitgenossen wird immer mehr bewusst, dass wir in einer verhängnisvollen Rückkoppelungsschleife einer nur auf äussere Effizienz und kurzfristigen Eigennutz getrimmten Gesellschaft stecken, welche Bildung und Erziehung vor allem in den Dienst einer einseitig materiell erfolgsorientierten Entwicklung stellt und die selbst wiederum entsprechende Vorstellungen und Verhaltensmuster weitervermittelt. Die Folgen sind nicht nur die akute Bedrohung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, sondern auch zunehmend verödete und haltlose Seelen der Menschen.
Um uns aus diesem Teufelskreis zu befreien, darf sich Schule nach unserer Überzeugung nicht länger in Richtung Dienstleistungsbetrieb für Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln. Im Sinne Heinrich Pestalozzis muss sie sich wieder primär an den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder orientieren, das heisst einer ausgewogenen Entfaltung von Kopf, Hand und Herz dienen. Denn alles Wissen dieser Welt ist wirkungslos oder sogar schädlich, wenn es nicht mit dem Herzen, den Emotionen verbunden wird und erst dadurch zu ethisch getragenem Handeln werden kann.
Der sinnlichen und seelischen Verbindung mit der natürlichen und der menschlichen Umwelt kommt in der Erziehung eine zentrale Rolle zu: denn wer zu seiner Umwelt keine lebendige Beziehung aufbauen kann, vermag sich weder zu orientieren noch einzuwurzeln - er bleibt ein Fremdling in dieser Welt.
Eiskalt gewalttätige Jugendliche, überfüllte Psychiatriepraxen und Kliniken, Massenflucht der Jugend in Drogen und andere Scheinwelten sowie die alarmierend steigenden Suizidraten bei Jugendlichen inmitten überbordenden Wohlstandes sind nur die lautesten Alarmsignale - die Spitze eines Eisbergs.
In diesem Sinne sind wir bestrebt, mit der pädagogischen Arbeit der Bildungswerkstatt Bergwald, welche die Schulstube für einige Tage in die Bergwelt verlegt, einen zwar kleinen, aber doch greifbaren Beitrag zur besseren Einwurzelung und zur Selbstfindung der Jugend zu leisten und sie zugleich für Gemeinsinn gegenüber Mensch und Natur zu sensibilisieren.
Verhaltensforscher bezeichnen den Menschen oft als Schädling der Erde, als Irrläufer der Evolution oder als Tier ohne hinreichende Überlebensinstinkte.
Mit Blick auf die von uns angerichtete Zerstörung in den letzten 100 Jahren haben solche Aussagen durchaus eine gewisse Berechtigung.
Doch dieser Blick greift zu kurz: denn gerade die ökologisch und ästhetisch reichsten Landschaften der Erde sind genauso das Ergebnis menschlicher Eingriffe beziehungsweise menschlichen Zusammenwirkens mit der Natur. Nicht umsonst versuchen der Natur- und Landschaftsschutz weltweit, vor allem die über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaften zu erhalten. Hier hat der gestaltende Mensch der Natur etwas hinzugefügt, was sie ohne ihn nicht zu erlangen vermag. Erst durch die (sensible) Umwandlung und Weiterentwicklung von Natur entstand überhaupt Kultur.
Natur erweist sich unter diesem Gesichtspunkt als dialogfähig, der Mensch als kooperationsfähig. Unsere Vorfahren haben diesen Tatbeweis tausendfach erbracht.
Es gehört daher zu den wichtigsten unserer pädagogischen Leitlinien, junge Menschen, die sich mit der Welt verbinden wollen und die zu einer lebenswerten Zukunft beitragen möchten, nicht mit einem einseitig negativen Menschenbild vor den Kopf zu stossen, welches vor allem viele naturwissenschaftlich gebildete Zeitgenossen in sich tragen: "wie ginge es der Natur so gut, wenn der Mensch nicht wäre...(Fazit: wir wären ja im Grunde besser alle gar nicht da...)". Im Gegenteil geht es uns genau darum, aufzuzeigen, dass in uns die kreativ-kooperativen Kräfte vorhanden und zu mobilisieren sind, damit Leben und menschliche Kultur eine Zukunft haben. Denn pädagogisch wirken lässt sich eigentlich nur, wenn wir den Menschen bejahen, wenn die Kinder und Jugendlichen spüren, dass sie nicht nur geduldet sind, sondern geradezu die einzige Hoffnung für eine Wende, dass es auf sie ankommt und darauf, dass sie an sich und den Menschen glauben.
Wo können sie das besser und glaubwürdiger erleben als im Schweizer Bergwald, in dem der Nachhaltigkeitsgedanke vor bald 150 Jahren geboren wurde und seither von Generationen auch vorbildhaft gelebt wird!
Elementare Erfahrungen im Kontakt mit Natur und Mensch, die bis vor wenigen Jahrzehnten praktisch jedes Kind aus dem alltäglichen Leben mitbekommen hat, gibt das heutige technisch und virtuell bestimmte Leben kaum mehr her. Auch die Elternhäuser, die ja vom selben Umfeld geprägt und Teil desselben sind, vermögen dieses Defizit in der Regel nicht auszugleichen.
Das gezielte schaffen von elementaren Erfahrungsfeldern ist somit zu einer hoch aktuellen pädagogischen Aufgabe geworden. Schule muss daher in mancher Hinsicht ganz neu gedacht werden: sie müsste zu einem erheblichen Teil im direkten Kontakt mit dem sozialen und natürlichen Leben stattfinden als "Lernen am Leben". Zahlreiche Lehrkräfte haben dies längst erkannt und sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten daran, solche Ideen umzusetzen (vgl Dokumentation - Literaturhinweise: Hartmuth von Hentig: "Bewährung", Hanser 2006).
Doch dieser Schulrahmen ist häufig genau ihr Problem: es gelingt bis heute meist nur für kurze Momente, "Schule am Lebenspuls" einzurichten, und auch diese müssen sich die Lehrkräfte oft erkämpfen, gegen Schulreglemente, Behörden, Eltern und oft sogar gegen das eigene Kollegium.
Unsere Hoffnung und Vision ist es, dass unter dem wachsenden Leidensdruck der enormen Probleme mit Kindern und Jugendlichen, aber auch unter dem Eindruck dessen, was wir mit der Erde angerichtet haben und was uns als Antwort darauf bereits heute existenziell bedroht - dass unter diesen Eindrücken in unserer Gesellschaft ein rasches Erwachen stattfindet und die Einsicht wächst, dass Lernen für das Leben künftig wieder vermehrt heissen muss: Lernen am Leben, auch am naturnahen Leben! Und dass dies nicht Zeitverlust, sondern Zeitgewinn für das Leben der Kinder und Jugendlichen ist und somit auch ein Gewinn für die Schule bedeutet. Wir hoffen, dass Türen und Fenster der Schulstuben vermehrt aufgestossen werden für ganz neue, ganzheitliche Formen des Lernens. Dass jedes Kind im Laufe seiner Schulzeit, wenn möglich in jedem Schuljahr, mehrere Wochen in lebensnahe Projekte der sozialen und ökologischen Umwelt einbezogen ist, der Entwicklungsstufe seines Alters entsprechend. Dass Kinder und Jugendliche vermehrt wieder an der Gestaltung der gemeinschaftlichen Lebensgrundlagen mitwirken und dabei Gemeinsinn und Natursinn entwickeln können, ohne die unsere Zivilisation keine Zukunft hat.